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Geschichten erzählen

Geschichten sind ein einfaches Medium. Um Geschichten zu erzählen, braucht man keinen technischen Aufwand zu betreiben. Man kann überall und zu jeder Zeit Geschichten erzählen, vorausgesetzt man kann Geschichten erzählen!

Geschichten erzählen kann man lernen, wenn man sich an einige wichtige Grundregeln hält. Und die sollen im folgenden Kapitel erläutert werden.

Geschichten soll man den Kindern nicht nur erzählen, weil es so einfach ist. Vielmehr entsprechen Geschichten der kindlichen einfachen Denkstruktur. In Geschichten werden abstrakte Begriffe konkretisiert und personalisiert. Typisches Beispiel: Im Märchen wird das Böse konkretisiert und personalisiert im Wolf, der die Geißenkinder frißt oder die Großmutter oder das Rotkäppchen; und es wird gezeigt, daß der Mensch fähig ist, dieses Böse zu überwinden.

Schließlich muß noch gesagt werden, daß der größte Teil der Bibel aus Geschichten besteht. Dies nicht nur, weil die biblischen Erzähler zu einfachen Menschen gesprochen haben, sondern vielmehr auch, weil sich das Unsagbare unseres Glaubens in Geschichten eher sagen läßt.

Durchgehende Spannung

Eine Geschichte, der man gerne zuhört, muß spannend sein. Es gibt wohl kaum etwas schlimmeres als langweilige Geschichten (es sei denn, man will die Zuhörer zum Einschlafen bringen!). Eine spannende Geschichte hat einen bestimmten Aufbau. Dieses Aufbaumodell, das im folgenden vorgestellt wird, variiert zwar immer wieder, die einzelnen Teile werden mal mehr, mal weniger stark ausgefaltet. Aber wenn man eine spannende Geschichte findet, wird in der Regel dieses Aufbauschema dahinterstecken.

Die Einleitung

Sie dient dazu, die Hauptpersonen der Geschichte vorzustellen und das Thema erstmals zur Sprache zu bringen. Dabei wird die Hauptperson dem Hörer so lebendig geschildert, daß er sich mit ihr identifizieren muß. Umgekehrt werden die Negativpersonen dem Hörer so ,,vermiest", daß er sie ablehnt. Je mehr die Identifikationsperson dem Hörer gleicht, um so mehr wird er sich mit ihr identifizieren. Und um so mehr sind dann die Hörer auch geneigt, die Lösung des anstehenden Problems so vorzunehmen, wie die Hauptperson der Geschichte dies tut.

Die meisten Geschichten bekommen die Kinder heutzutage über das Fernsehen serviert. Da die Helden der spannendsten Geschichten, Krimis und Western, meist Personen sind, die zwar das Gute wollen, dies aber nur durch Gewalttätigkeit erreichen, wen wundert es da, daß die Kinder immer gewalttätiger werden?

Man sollte sich also, wenn man eine Geschichte erzählt, vorher genau überlegen, mit welcher Person die Kinder sich identifizieren sollen, um dann diese Person in der Einleitung besonders hervorzuheben. Dies gilt auch für biblische Geschichten. Es wäre fatal, wenn etwa die Kinder sich mit Judas identifizieren würden (immerhin war der wohl ganz schön geschäftstüchtig, und das gilt doch heute). Oder bei der Geschichte vom verlorenen Sohn bzw. vom barmherzigen Vater muß man aufpassen, daß die Kinder sich tatsächlich mit dem verlorenen Sohn und mit dem gütigen Vater identifizieren. Kinder neigen nämlich dazu, den zweiten Sohn als Identifikationsperson zu wählen, und finden dann natürlich die Handlungsweise des Vaters unverständlich und gemein.

Fehler in der Einleitung verhindern, daß der Hörer sich in die Geschichte hineinbegibt. Deshalb sollte man tunlichst alles vermeiden, was die Identifikation des Hörers mit der Hauptperson stören könnte.

Zum Beispiel darf die Einleitung nicht die Lösung der Geschichte verraten, weil dadurch ja alle Spannung weggenommen würde. Was hielten Sie von einem Erzähler, der etwa ein Märchen so begänne: ,,Liebe Kinder, jetzt erzähle ich euch die Geschichte, wie der böse Wolf die Großmutter aufgefressen hat und das Rotkäppchen dazu, und wie der Jäger die beiden dann gerettet hat."

Auch Problematisierungen gehören nicht in die Einleitung, sondern bestenfalls in ein eventuell nachfolgendes Gespräch. Was hielten Sie von einem Erzähler, der etwa eine Wundergeschichte so begänne: ,,Liebe Kinder, ich erzähle euch jetzt eine Geschichte, wie Jesus einen kranken Mann geheilt hat. Wir wissen nicht, ob die Geschichte sich so abgespielt hat. Aber der Evangelist Lukas hat sie für uns aufgeschrieben, weil er uns zeigen will, wie mächtig Jesus ist. Deshalb hört nun einmal schön zu.

Auch breite Schilderungen gehören nicht an den Anfang einer Geschichte. Allerdings besteht die Möglichkeit, Schilderungen in Handlungen umzuformen. Zum Beispiel darf man nicht die römische Steuerpraxis lang und breit beschreiben, wenn man die Zachäusgeschichte erzählt. Aber man kann erzählen, wie Zachäus in seinem Zollhaus sitzt und was er dort tut.

Schließlich gehören auch keine Gags an den Anfang der Geschichte. Gags bringen zwar die Aufmerksamkeit des Hörers, aber sie lenken seine Erwartungen in eine andere Richtung. Sicher sehr lustig, aber völlig falsch wäre es, die Zachäusgeschichte so zu beginnen: ,,Zachäus, der reiche Oberzöllner von Jericho, sitzt auf einem Baum. Der Ast ist dünn, Zachäus ist dick. Der Baum schwankt schon bedrohlich hin und her. Was war geschehen? Wie kommt der feine reiche Mann auf den Baum?"

Konkretisierung des Problems

Nach der Einleitung sollte eine zweite Phase folgen, die das, was in der Einleitung erzählt wurde, noch einmal zusammenfaßt und konkretisiert. In dieser Phase der Geschichte wird das Thema verdeutlicht, und das Problem, um das es geht, wird verschärft.

Wurde etwa in der Einleitung zur Zachäusgeschichte Zachäus als der reiche aber schurkige Chef der Zollstation vorgestellt, den die Menschen meiden, muß in der zweiten Phase erzählt werden, wie Jesus in die Stadt kommt und Zachäus erkennt:

Alle Menschen können mich nicht leiden. Sie wollen nichts mit mir zu tun haben. Aber wie ist es mit Jesus? Der kümmert sich doch immer um Menschen, mit denen andere nichts zu tun haben wollen. Wird er mir zuhören? Oder ist er doch genauso wie die anderen Leute von Jericho?

Krise> Hindernisse, Schwierigkeiten bei der Lösung

In der dritten Phase der Geschichte wird auf die Lösung des Problems hingearbeitet. Ein Stück weit kommt die Problemlösung in Sicht, aber dann treten Hindernisse und Schwierigkeiten auf, die vor der endgültigen Lösung noch überwunden werden müssen. Dies ist die Phase der Erzählung, in der bei Kriminalheftchen der Detektiv, gerade wenn er die Gangster entlarven und der Gerechtigkeit zuführen will, einen Schlag auf den Hinterkopf erhält. Dies ist die Phase der Geschichte, in der bei Heimatromanen gerade wenn das reiche Mädchen dem armen Holzfäller ihre Liebe gesteht, der Vater auftaucht und sagt, daß er seine Tochter enterben wird, wenn sie diesen Habenichts nicht gehen läßt. Dies ist die Phase der Geschichte, in der die Israeliten glücklich aus Ägypten fortgekommen sind und nun vor dem Meer stehen, das Wasser vor sich und die Soldaten des Pharao hinter sich. Dies ist die Phase der Geschichte, in der 10 Aussätzige geheilt wurden und nun als von den Priestern geheilt Erklärte am Schauplatz zurück erwartet werden, aber nur ein einziger kommt an.

Höhepunkt, Lösung, Wandlung

In der vierten Phase einer Geschichte kommt dann der Höhepunkt. Das Problem wird endlich gelöst. Die letzten Hindernisse werden überwunden. Die Geißlein werden aus dem Bauch des Wolfes herausgeholt, das Sterntalermädchen bekommt seine goldenen Taler, Johannes der Täufer wird enthauptet und Jesus lädt sich zum Entsetzen der Leute bei Zachäus zum Mittagessen ein.

Ausklang

In der letzten Phase klingt die Geschichte langsam aus, und die Spannung verebbt.

 

Anschaulichkeit

Eine erzählte Geschichte ist ein Spiel mit der Phantasie, das Erzähler und Hörer miteinander spielen. Anschaulichkeit ist eine wichtige Forderung, denn durch die anschauliche Erzählung wird die Phantasie angeregt.

Anschaulich wird eine Geschichte durch Einzelheiten. Der Erzähler schildert etwa den Raum, in dem eine Szene spielt, oder er erzählt von typischen Grundzügen der handelnden Personen. So wird etwa kein Asterix - Leser jemals die Nase der Kleopatra vergessen, und jedes Kind weiß, daß die Hexe auf der Nase eine Warze zu haben hat, was ganz besonders ekelhaft aussieht.

Anschaulich wird eine Geschichte auch dadurch, daß von den Gefühlen der handelnden Personen gesprochen wird. Dabei ist es wichtig, daß die Gefühle nicht als Tatsachen geschildert werden, sondern daß der Erzähler berichtet, wie die Personen diese Gefühle erleben.

Es darf deswegen nicht heißen: Als die Leute Zachäus nicht durchließen, wurde er traurig. Vielmehr: Die Leute machten sich extra dick, damit Zachäus nicht nach vorne kommen konnte. Zachäus überlegte ganz verzweifelt: ,,Was soll ich tun? Durchdrängen kann ich mich nicht. Die lassen mich auf keinem Fall durch. Aber ich will diesen Jesus sehen. Irgendwie muß ich es schaffen. Und er guckte herum. Da sah er den Baum. Und plötzlich hatte er eine Idee..."

Auch durch den Sprechstil wird eine Geschichte anschaulich. Die wichtigste Regel heißt hier: Kurze Sätze! Kinder sprechen in kurzen Sätzen, und sie verstehen auch nur kurze Sätze. Außerdem: In kurzen Sätzen zu sprechen, kann man üben. Nehmen Sie dazu den Evangelientext des nächsten Sonntags, und erzählen Sie ihn. Achten Sie dabei darauf, daß höchstens ein Komma in jedem Satz vorkommen darf. Hauptsatz und Nebensatz, das ist die längste Konstruktion, die Sie sich leisten dürfen. Außerdem sollte der Nebensatz sich anschließen und nicht verschachtelt sein. Also nicht:

Der Königssohn, als er dies hörte, sagte; sondern: Als der Königssohn dies hörte, sagte er. Außerdem kann man Relativsätze zu Hauptsätzen mit relativischem Anschluß umformen. Also nicht: Der Mond, der hinter dem Hause hervorkam, leuchtete ganz gelb; sondern: Der Mond kam hinter dem Haus hervor. Er leuchtete ganz gelb.

Was vermieden werden soll

Daß Zustandsschilderungen innerhalb einer Geschichte unterbleiben sollten, darauf wurde bereits hingewiesen. Ebenso sollte man Erklärungen vermeiden. Wenn die Kinder mit dem Begriff Pharao nichts anzufangen wissen, dann muß man diesen Begriff vor Beginn der Josefsgeschichte klarstellen. Keinesfalls darf man die Erzählung unterbrechen und erklären, daß der Pharao so etwas ist wie bei uns früher der König war.

Geschichten für Kinder müssen auch immer in einer zeitlichen Abfolge erzählt werden. Kinder können noch nicht in zwei Ebenen denken. Deshalb darf eine Geschichte also keine Rückblende enthalten. Die moderne Form der Erzählung, in der eine Geschichte an einer spannenden Stelle begonnen wird und dann alles Wissenswerte der Vorgeschichte in Rückblenden erzählt wird, taugt für Kinder nichts.

Vermieden werden sollten auch Ermahnungen und predigtartige Einschübe in der Geschichte. Darunter verstehe ich Dinge wie: ,,Seht ihr, so geht es bösen Kindern", oder: ,,Nehmt euch daran ein Beispiel." Es gibt ja eine Diskussion darüber, ob wir überhaupt die ,,Moral von der Geschichte" brauchen. Eine gute und gut erzählte Geschichte enthält als solche schon soviel ,,Moral", daß es nicht immer

notwendig ist, noch einmal über die Geschichte zu sprechen und eine eigene Moral heraus zu arbeiten. Wer dies aber tun möchte, sollte es im Anschluß an die Geschichte in einem Gespräch mit den Kindern tun, aber nicht sich und den Kindern die Geschichte verderben, indem er Ermahnungen einfügt.

Reden in einer Geschichte

Der Anschaulichkeit wegen sollten Reden immer alsdirekte Reden und nicht als indirekte Reden erzählt werden. Also nicht: Da sagte Jesus, er möchte dem Pharisäer Simon eine Geschichte erzählen; sondern: Da sagte Jesus: Simon, ich möchte dir eine Geschichte erzählen.

Es erhöht die Lebendigkeit einer Geschichte, wenn auch von den Reaktionen der Zuhörer auf die Reden innerhalb der Geschichte berichtet wird. Dabei können die Zuhörerreaktionen selbst wieder in Reden gekleidet werden. Da riefen die Leute: Jawohl, er hat recht. Genau so ist es.

Dehnung des Handlungsablaufs

Dies ist ein Mittel, um am Höhepunkt der Geschichte die Spannung noch etwas zu verstärken. Dabei werden in die Erzählung noch Verben eingefügt, die eigentlich nicht notwendig wären, aber den Handlungsablauf noch etwas verlängern. Also nicht: Als Jesus den Zachäus sah, sagte er zu ihm; sondern: Jesus kam zu dem Baum, auf dem Zachäus saß. Da blieb er stehen. Er schaute hinauf. Er sah den Zachäus oben sitzen. Da sagte er

 

Beispiele

Als Beispiele gut erzählter Geschichten können der Erzähltext des Knotenpuppenspiels oder die beiden folgenden Geschichten dienen.

Peter und der abgebrochene Nikolaus

Die folgende Geschichte stammt aus einer Nikolausfeier. Die üblichen Nikolauslegenden sind den Kindern bekannt und auch schon ziemlich abgegriffen. Ziel der Geschichte war es, deutlich zu machen, wie Menschen durch das Beispiel des guten Bischofs angeregt werden, Gutes zu tun:

Franz hat einen Freund. Der heißt Peter. Sie sind schon ganz lange Freunde. Schon seit dem Kindergarten. Jetzt sind sie in der Schule und sind immer noch Freunde. Nachmittags fahren sie mit ihren Rädern wie die Wilden durch den Ort. Und sie haben schon viele Streiche zusammen ausgeheckt. Einmal haben sie dem Lehrer den Stuhl mit Kreide angemalt. Der Lehrer hat sich drauf gesetzt. Als er aufgestanden ist, hat er einen ganz weißen Hintern gehabt.

Aber seit ein paar Tagen stimmt etwas nicht mit dem Peter. Er geht dem Franz aus dem Weg. Er sagt nichts. Er kommt nachmittags nicht zum Spielen. Und wenn der Franz ihn daheim abholen will, ist er nie da.

Der Franz kann das gar nicht verstehen. Er ist traurig; und wütend. Das bekommt seine Schwester Luise zu spüren. Dauernd fängt er mit ihr Streit an. Er zieht sie an den Haaren. Er läßt sie nicht in Ruhe. Bis auf einmal Luise ganz aufgebracht schreit:

,,Was ist denn los mit dir? Laß mich doch endlich in Ruhe. Was hab ich dir denn getan?«

Der Franz sagt nichts. Aber Luise läßt nicht locker: ,,Du bist so schlecht gelaunt. Bestimmt bist du böse auf jemand. Und deine Wut läßt du an mir aus. Da mach ich aber nicht mehr mit!" Da schreit der Franz: ,Ja, und ich hab auch das Recht, böse zu sein. Der Peter will nämlich nichts mehr von mir wissen." ,,Ist das wahr?" fragt Luise. ,ja", sagt der Franz. ,,Schon seit Freitag hat er nicht mehr mit mir geredet. Und immer läuft er weg. Und das Schlimmste ist: Er ist ein Streber geworden. In jeder Pause setzt er sich mit einem Buch auf die Mauer und lernt." ,,Oh je, sagt Luise, du bist ja ganz schön blöd«. ,,Sag das noch mal", sagt der Franz, ,,dann knalle ich dir eine." ,,Du bist ganz schön blöd", sagt Luise, ,,der Peter geht nämlich arbeiten." ,,Was macht der Peter«, fragt der Franz. ,,Er geht arbeiten" sagt Luise. ,,Er fährt Limo aus, und ich hab auch gesehen, wie er den Leuten hilft die Straße kehren." Der Franz fällt aus allen Wolken. ,,Das hab ich nicht gewußt", sagt er. ,,Ja warum macht denn der Peter so was? Das ist doch langweilig." Da sagt Luise: ,,Du weißt doch, daß dem Peter sein Vater keine Arbeit mehr hat, seit sie die Fabrik zugemacht haben. Und der Peter kriegt kein Taschengeld mehr. Und jetzt geht er sich sein Taschengeld verdienen". ,Jetzt begreife ich das«, sagt Franz, ,,ist ja auch wahr. Und der Doofnickel schämt sich, weil er kein Geld hat und ich welches habe, und der kann sich auch kein Eis kaufen."

Da sagt Luise: ,,Wenn du ein echter Freund bist, dann muß du dem Peter helfen." ,,Meinst du, daß ich ihm von meinem Taschengeld abgeben soll?" fragt Franz. ,,Das nimmt er nie." ,,Vielleicht kannst du ihm was schenken, was er schon immer haben wollte," sagt Luise. ,,Einen Lederball hat er sich schon lange gewünscht," meint Franz. ,,Darüber würde er sich bestimmt freuen. Ich hab was gespart, und wenn ich bei der Oma noch ein bißchen betteln gehe, dann könnte ein Lederball raus springen." ,,Meinst du, daß der Peter das annimmt, wenn du ihm einen Lederball schenkst?" fragt Luise. ,,Ich weiß nicht," sagt Franz, ,,ich glaube, der nimmt's nicht. Dafür ist der zu stolz. Er hat doch noch nicht mal mir, seinem besten Freund, gesagt, daß er kein Taschengeld mehr kriegt und arbeiten muß." ,Ich hab eine Idee," sagt Luise, ,,bald ist doch Nikolaus. Und der Bischof Nikolaus hat doch auch immer armen Menschen geholfen. Und hat ihnen auch was geschenkt. Der Peter muß den Ball vom Nikolaus bekommen, dann kann er ihn nicht ablehnen."

Am Nikolausabend sitzt der Peter daheim in seinem Zimmer. Er hört Kassetten. Und was gelesen hat er auch schon. Plötzlich poltert es auf der Treppe. Und dann klopft es an der Tür. Ganz überrascht macht der Peter die Tür auf und dann guckt er. Draußen steht eine große Gestalt mit einem roten Mantel und einem

weißen Bart. Und die Gestalt sagt mit einer ganz dunklen Piepsstimme: ,,Hallo Peter, willst du mich nicht rein lassen?" Ja, Nikolaus," sagt Peter, ,,komm doch rein". Und als der Nikolaus durch die Tür geht, da stolpert er. Und er wackelt ein bißchen hin und her. Und schließlich kippt er um und bricht in der Mitte auseinander.

Das gibt ein Gezappel. Und dann kriecht unten aus dem roten Mantel die Luise. Sie hat die Gummistiefel von ihrem Vater an. Und oben aus dem Gewand krabbelt der Franz. Er hat sich einen weißen Bart umgehängt.

Und dann schauen sich alle drei an, und dann lachen sie sich halb tot. Der Peter bekommt seinen Lederball, und er ist froh darüber, sehr froh. Denn welcher Junge bekommt schon von einem abgebrochenen Nikolaus einen Fußball geschenkt?

Die Legende von der Taufe des Riesen Opherus

Es lebte einmal ein großer, mächtiger Riese. Sein Name war Opherus. Es gab keinen zweiten Riesen, der so stark war wie er. Brauchte Opherus einen Wanderstock, so riß er einfach einen Baumstamm aus, so groß, daß man ihn gut als Maibaum hätte gebrauchen können.

Unser großer und starker Riese hatte sich in den Kopf gesetzt, nur dem größten und mächtigsten Herrn dieser Erde zu dienen. Wo war dieser Herr zu finden?

,,Du mußt nach Osten gehen", rieten die Leute dem Riesen, ,,dorthin, wo die Sonne aufgeht. Dann kommst du in das Reich des Königs Ataxerxes. Er ist ein mächtiger König. Er befehligt 50000 Bogenschützen, 100000 Lanzenstecher, 150000 Schwertkämpfer und 200000 Reiter. Die Menschen in seinem Reich sind so viele, daß man sie nicht zählen kann."

Der Riese machte sich auf den Weg. Viele Tage und Wochen marschierte er nach Osten, dorthin, wo die Sonne aufgeht. Als er dann endlich im Reich des Königs Ataxerxes angekommen war und dieser ihn kommen sah, freute sich der König und sagte: ,,Du fehlst mir noch! Ein solch großen Riesen kann ich gut gebrauchen. Du sollst der Anführer meines Heeres werden."

So wurde der Riese nun Heerführer des Königs Ataxerxes. Er befehligte auf der Stelle 50000 Bogenschützen, 100000 Lanzenstecher, 150000 Schwertkämpfer und 200000 Reiter.

Sahen die Feinde den Riesen an der Spitze des königlichen Heeres daher marschieren, fiel ihnen das Herz in die Hosentasche. Und fing der Riese erstmal den Schlachtruf zu brüllen an: ,, Uaah ...,,, fielen viele Feinde vor Schreck gar um. Es wagte überhaupt kein Feind mehr, in das Reich des Königs einzufallen. Und eine Zeitlang herrschten Ruhe und Frieden im Lande des Königs.

Nachdem so einige Zeit in Frieden vergangen war, zog doch wieder ein feindliches Heer gegen den König Ataxerxes. Mit dem mächtigen Heer zog am Himmel ein gewaltiges Gewitter auf. Blitze zuckten hernieder. Dunkle Wolken verdeckten die Sonne. Es war mitten am Tag so finster wie in der Nacht. Der König sah sorgenvoll

zum Himmel und auf die Schar der Feinde. Er wurde mutlos. Verzweifelt rief er: ,,Ein böses Zeichen, ein böses Zeichen! Wir sind verloren. Der Feind wird siegen."

Opherus sah seinen Herrn in Furcht und Zittern. Er sah ihn voll Angst vor dem Zeichen am Himmel, dem Gewitter. Der Riese spürte: Mein Herr ist gar nicht so mutig, so stark und so mächtig. So nahm er Abschied vom König. Er wollte nur dem größten und mächtigsten Herrn dieser Erde dienen. Wieder fing das Fragen und Suchen an. Wer ist der wirkliche Herr dieser Erde? Wo ist er zu finden?

,,Der böse Geist," sagten einige, ,,ist der Fürst der Erde. Diene ihm! Keiner hat mehr Macht als er."

,,Wo finde ich ihn?" fragte der Riese.

,,Überall, wo Böses geschieht," sagten sie. ,,Und du dienst ihm, wenn du seinen Geist verbreitest; wenn du selbst Böses tust und die Menschen zu Bösem anstiftest, zu Neid, Haß, Streit, Krieg, zur Lüge und Unwahrheit.«

Opherus mühte sich nun, dem Bösen zum Sieg zu verhelfen. Es gefiel ihm dieses Tun ganz und gar nicht, aber er wollte ja dem mächtigsten Fürsten dieser Welt dienen. So tat Opherus Böses, und der böse Geist begleitete ihn auf Schritt und Tritt und stachelte ihn zu immer schlimmeren Taten an.

Da kamen sie eines Tages an einem Wegzeichen vorbei. Es war ein Wegkreuz. Der Riese entdeckte etwas, was ihn sehr verwunderte. Der Böse erzitterte plötzlich. Er wagte nicht, dem Gekreuzigten ins Gesicht zu blicken, ja, er hob die Hände vor die eigenen Augen. Er sah weg. Opherus spürte: Der Böse hat Angst vor dem am Kreuz. Der Mann am Kreuz ist stärker als der böse Geist. Er hat Macht über ihn. Er überwindet ihn.

Da wurde es dem Riesen leicht ums Herz. Er atmete richtig auf. Er konnte sich nun vom Bösen abwenden. Er wollte jetzt nach dem Gekreuzigten suchen und ihm dienen. ,,Wer ist der Mann am Kreuz?" fragte Opherus die Menschen.

,,Er ist der Gute," antworteten sie. ,,Du dienst ihm, wenn du den guten Geist verbreitest. Stifte Frieden! Schlichte Streit! Hilf mit deinen Kräften den Schwachen und Armen." ,,Hier fließt ein reißender Fluß,« sagte ein alter Mann. ,,Kein Schiff kann das wilde Wasser überqueren, keine Brücke es überspannen. Du aber bist groß und kräftig. Du kannst die Menschen auf deinen Schultern von einem Ufer zum anderen tragen. In den Hilflosen, Armen und Schwachen dienst du dem guten Herrn dieser Erde."

Da baute sich der Riese am Fluß eine Hütte. Kamen Menschen und riefen: ,,Fährmann, hol über," setzte sie der Riese auf seine Schultern. Er nahm seine große Stange und stapfte in das reißende Wasser. Sicher trug er seine Last von einer Seite des Flusses an die andere, sieben volle Jahre lang.

Es war in einer dunklen, stürmischen Nacht. Da war's dem Riesen, als vernehme er eine zarte, helle Stimme. ,,Fährmann, hol über," rief's von draußen. Als der Riese vor seine Hütte trat, stand da ein Kind. Es ist eine leichte Last, dachte der Riese. Behutsam hob er das Kind auf seine Schultern und stapfte mit seiner Stange in den Fluß. Doch mitten im Fluß wurde die Last ihm schwer. Sie tauchte ihn tief

in das Wasser hinein, ja fast unter. Dem Riesen war es, als trüge er Himmel und Erde zugleich auf seinen Schultern.

Als er am anderen Ufer ankam und die Last von seinen Schultern nahm, gingen ihm die Augen auf und das Herz über. Opherus spürte: Ich habe ein Kind über den Fluß getragen, das wahrhaft der Größte und Mächtigste ist, der Herr über Himmel und Erde, über alle Mächte und Gewalten.

Das Kind aber schaute den Riesen freundlich an. Es sagte: ,,In allen Armen dienst du mir. In allen Kleinen und Schwachen trägst du mich. Ich gebe dir einen neuen Namen. Du sollst von nun an nicht mehr Opherus, sondern Christopherus heißen. d.h. der, der Jesus Christus trägt.«

(Entnommen aus Religionspädagogische Praxis, 1973/3, 5. 39f.)